
Lesetipp von
Sybille Kramer
14.01.2023
Wer Raphaela Edelbauers Romane noch nicht gelesen hat, sollte die österreichische Autorin, Jahrgang 1990, spätestens jetzt endlich kennenlernen. Schon 2018 war sie mit dem Manuskript zu "Das flüssige Land" Teilnehmerin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und gewann den Publikumspreis, 2019 war der Roman dann auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. 2021 wurde sie für den Science-Fiction-Roman "DAVE" mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet. So weit, so wunderbar. Entsprechend groß war meine Freude, dass es wieder etwas Neues von Raphaela Edelbauer gibt: "Die Inkommensurablen".
Diesmal ist es eine Art historischer Roman geworden. Europa steht an der Schwelle zum 1. Weltkrieg. Es ist der Tag vor der Mobilmachung Österreichs: der 30. Juli 1914.
In ganz Wien brodelt es. Es wimmelt nur so von kriegsbegeisterten jungen Männern, die sich freiwillig melden wollen. In diese politisch aufgeheizte Stimmung hinein gerät Hans, 17 Jahre alt und nahezu mittellos. Zwar kommt er aus gutbürgerlichem Hause und konnte einige Zeit die Schule besuchen, doch der frühe Tod des Vaters zwang ihn, als Pferdeknecht in Tirol zu arbeiten. In Wien will er nun eine bekannte Psychoanalytikerin aufsuchen, weil er glaubt, eine besondere Gabe zu haben. Der drohende Kriegsbeginn interessiert ihn überhaupt nicht. In der Praxis lernt er Adam und Klara kennen, Anfang 20, ebenfalls in Therapie und gute Freunde. Die beiden nehmen Hans unter ihre Fittiche und ihnen ist, als würden sie sich schon ewig kennen.
Es gibt da also eine besondere Verbindung, auch wenn sie aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen kommen. Der adlige Adam entstammt einer Familie, in der alle Männer eine Militärlaufbahn einschlagen müssen. Dabei will er nur Musik machen. Klara ist eine der ersten Studentinnen an der Universität Wien, die in Kürze im Fach Mathematik über die sogenannten Irrealzahlen promovieren wird.
Alle drei stehen unter einer spürbaren Anspannung. Es ist Hochsommer, es herrscht eine unglaubliche Hitze in Wien. Wir lassen uns als Leser einen ganzen Tag und eine ganze Nacht mit ihnen durch die Stadt treiben. Dabei zeigt uns die Autorin die verschiedenen Facetten der Bewohner, den Reichtum in den neuen Palais und die Armut im Wiener Untergrund.
Raphaela Edelbauer gelingt es mit ihrer ganz speziellen Sprache, diese fiebrige Atmosphäre greifbar zu machen. Ich war teilweise genau so außer Atem wie Hans, Adam und Klara. Das hat etwas Rauschhaftes und wir finden uns wieder zwischen Scharlatanen, Sufragetten,Traumdeutern und Heilsuchenden.
Für mich ist "Die Inkommensurablen" trotz des etwas sperrigen Titels wieder ein Fall für - mindestens - die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023. Ein großartiges Leseerlebnis!
Roman
Klett-Cotta, 25,00 €